St. Radegund: "Ich kann bei all dem Leid nicht ohnmächtig zusehen

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St. Radegund. Der Gabelmacherhof in St. Radegund ist für gequälte, misshandelte Hunde so etwas wie der Start in ein neues, besseres Leben. Denn die Organisation Pro Animale, die europaweit in Sachen Tierschutz tätig ist (siehe Kasten), vermittelte in den letzten zwei Jahren von hier aus bislang über 370 Hunde.

Die Vermittlungsstation und Tierherberge für Hunde setzt dabei strenge Bewertungskriterien an, damit es die Tiere in ihrem neuen Zuhause besser haben. Denn Pro Animale versteht sich nicht als Tierheim, sondern vielmehr als Vermittlungsstation, die sehr hohe Ansprüche an die künftigen Hundehalter stellt.

So werde von den Tierschützern weder Zwinger- noch Kettenhaltung im neuen Zuhause toleriert, lange Beratungsgespräche und auch unangemeldete "Kontroll-Besuche" im neuen Heim gehören einfach dazu. Außerdem dürfen die Hunde nicht an Dritte weitergegeben werden und bleiben fünf Jahre im Besitz der Tierschutzorganisation. Und auch der enge Kontakt zwischen Hundehalter und Pro Animale ist erwünscht und wird auch gefördert. "Bei uns ist es so, als wenn man sein eigenes Tier in gute Hände geben würde", erklärt Slatka Ferenc, die Leiterin des Gabelmacherhofes in St. Radegund. "Die Interessenten müssen sich das Tier erst verdienen."

Dass die Leitung des Gabelmacherhofs kein Halbtagsjob ist, ist klar: "Ich bin 24 Stunden für die Tiere da und wohne auf dem Hof, damit auch kranke Tiere rund um die Uhr betreut werden können." Für Slatka Ferenc, die ein besonderes Faible für alte und kranke Hunde hat, ist eines selbstverständlich: "Die Tiere sollen es bei uns und später in ihrer neuen Umgebung einfach gut haben."

Schlimmes haben die Hunde, die in St. Radegund auf ein neues Zuhause warten, ohnehin genug erlebt. "Unsere Mitarbeiter lesen völlig verwahrloste Tiere auf, die an den Autobahnen in ganz Europa zurückgelassen werden", erklärt Slatka Ferenc. "Viele unserer Tiere kommen verwahrlost und nahezu verhungert aus echten Tötungsanstalten in Südeuropa, aus Tierversuchsanstalten oder werden skrupellosen Züchtern abgekauft. Erst wenn man sich mit den Einzelfällen beschäftigt, wird das ganze Ausmaß des Elends sichtbar - jedes Tier hat sein eigenes Schicksal: "Laszlo" beispielsweise ist ein etwa fünf Jahre alter Schnauzer-Terrier-Mischlingsrüde, der in Ungarn von mehreren Männern über längere Zeit vergewaltigt worden ist und von Tierfreunden nach Deutschland gebracht wurde. Die Darmwände des Tieres waren vollständig zerstört, sodass "Laszlo" beinahe eingeschläfert hätte werden müssen. Erst mit einer langwierigen Diät und homöopathischer Behandlung konnte der Hund wieder aufgepäppelt werden und lebt jetzt auf dem Gabelmacherhof in St. Radegund. "Laszlo ist durch das Erlebte gottlob nicht psychisch gestört und hat gelernt, dass Menschen ihm nicht zwangsläufig weh tun. Für uns war es allerdings eine enorme psychische Belastung, denn wir wussten nicht genau, wie wir ihm medizinisch helfen können," so Slatka Ferenc.

Oder "Jacques", ein Jagdhund, der in der Provence von seinem Besitzer im Wald angebunden worden war und erst in allerletzter Sekunde von Tierschützern mit verbrannten Pfoten aus einem Waldbrand gerettet werden konnte. "Es ist die Dankbarkeit, die einen förmlich aus den Augen des Tieres anspringt, die uns antreibt", sagt die Tierschützerin, selbst Halterin von neun Hunden. "Der Moment, in dem ein Tier vermittelt wird, lässt uns allen Ärger, Sorgen und Enttäuschungen vergessen."

Doch der Weg, bis der jeweilige Hund an eine neue Familie vermittelt werden kann, ist oftmals lang. "Alle Tiere werden, wenn sie bei Pro Animale eintreffen, erst einmal medizinisch grundversorgt", erklärt Slatka Ferenc. Die Hunde werden kastriert, geimpft, entwurmt, bekommen einen Mikrochip eingesetzt und werden dann wieder aufgepäppelt. Nach einer mindestens vier- bis achtwöchigen Quarantäne kommen die Tiere dann in die einzelnen Tierherbergen oder Tiervermittlungsstationen von Pro Animale, wo die Suche nach einer neuen Bezugsperson beginnt. Ihr Engagement für geschundene Tiere ist für Slatka Ferenc nichts Besonderes: "Ich kann bei all dem Leid nicht einfach ohnmächtig zusehen! Selbst ein kleiner Tropfen höhlt nach und nach den dicksten Stein", sagt Slatka Ferenc. "Wenn wir aus einem apathischen Tier, das nur noch so vor sich hin vegetiert, wieder einen fröhlichen, gesunden Hund mit glänzenden Augen machen können, dann ist das für uns die schönste Bestätigung."

Zumal dem Großteil der Tiere wirklich geholfen werden kann: "Bei uns sieht man, dass die Hunde, egal, was sie schon Schlimmes erlebt haben, ganz ausgeglichen sind und jeden Besucher freudig willkommen heißen. Im Verhalten der Menschen spiegelt sich das Verhalten des Tieres wieder: Wie wir mit den Hunden umgehen so reagieren sie auf uns."

Dass es dabei nicht vorwiegend um Junghunde geht, ist klar, gerade alte, oftmals auch verkrüppelte Hunde suchen ein neues Zuhause - oftmals allerdings vergebens. "Es gibt leider nur ganz wenige Menschen, die einem alten, kranken Tier ein paar schöne Monate bereiten wollen", seufzt die Leiterin der Vermittlungsstation. "Wenn es allerdings einmal klappt, dann finden wir das phantast Im Gabelmacherhof leben die Hunde in sogenannten Hundezimmern - allesamt gefliest und mit Fußbodenheizung ausgestattet. Jedes Tier hat sein eigenes Körbchen mit der eigenen Decke, auf einer Bank, denn "Hunde lieben es, auf einer erhöhten Position zu sitzen", betont Slatka Ferenc.

In Gruppen von bis zu 20 Tieren leben die Hunde zusammen, wobei sich nach einer gewissen Zeit eine Rangordnung herauskristallisiert. Jeden Tag dürfen die Tiere auf großen, eingezäunten Wiesen hemmungslos herumtollen, immer unter Aufsicht eines Mitarbeiters der Tierherberge. "Ganz klar ist allerdings, dass wir der Boss sind, als Leitwolf dulden wir hier keine Rangeleien", schmunzelt Slatka Ferenc. "Alle Hunde werden bei uns kastriert, das fördert die soziale Verträglichkeit und das Zusammenleben und Zusammen-Spielen der Hunde ist damit be Wer sich einen Hund zulegen möchte, der ist im Gabelmacherhof willkommen. "Interessenten können, wann immer sie wollen, mit den Tieren spazierengehen, denn die Harmonie zwischen Mensch und Tier muss einfach stimmen", sagt Slatka Ferenc. Dass sich normalerweise die Hunde ihre neuen "Besitzer" aussuchen, ist ein Phänomen, das die Leiterin der Vermittlungsstation oft beobachtet. "Die Zuneigung sollte immer auch vom Hund ausgehen, denn es handelt sich bei dem Tier um keine Puppe, sondern um ein Lebewesen, das Anspruch auf Beschäftigung und Zuneigung hat!" Slatka Ferenc warnt auch davor, zu glauben, dass der Hund nach einer gewissen Zeit einfach "erzogen" ist. "Man lernt als Team Mensch-Hund jeden Tag dazu und muss immer auf das Tier eingehen."

Dass bislang in St. Radegund über 370 Hunde vermittelt werden konnten, freut die Leiterin der Tierherberge - dennoch ist in Zeiten knapper Kassen auch Pro Animale auf Spenden angewiesen: Bei der Sparkasse Coburg-Lichtenfels (BLZ 783 500 00) hat Pro Animale ein Konto mit der Nummer 202010 eingerichtet. Wenn als Verwendungszweck "St. Radegund" angegeben ist, kann man die Arbeit von Slatka Ferenc direkt unterstützen.
 

Link: http://www.pro-animale.at


Quelle und copyright:

Text:  mp; suedostbayerische-rundschau.de, 15.10.2005

Bilder: pro-animale.at