Zum Benutzen und Wegwerfen

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Die Spanier haben ein höchst ambivalentes Verhältnis zum Tier: Im Land des Stierkampfs werden jährlich mindestens fünfzigtausend Hunde gequält und getötet. Tierschutzgesetze greifen zu kurz.

In Spanien sei ein Kampf im Gange, hört man, nämlich zwischen den Anhängern und den Gegnern des Stierkampfs. Wahr daran ist, dass sich seit Jahren die Anzeichen mehren, die es den Verteidigern der Tauromachie schwerer machen. Da wären die gesetzlichen Vereinheitlichungsbemühungen der Europäischen Union, die an diesem Thema vorläufig abprallen, aber auf lange Sicht ein Disziplinierungsinstrument sein könnten. Dann die Geste einer Metropole wie Barcelona, die sich im Jahr 2004 offiziell zur „Anti-Stierkampf-Stadt“ erklärte. Dazu der Aktivismus der Tierschützer und die rückläufige Zahl der Aficionados im ganzen Land. Manchmal scheint es, als sei Stierkampf die Sache von Leuten, die ein altes, traditionelles Spanien behalten möchten und sich gegen den Zeitgeist stemmen.
Vielleicht sind gerade deshalb prominente Fürsprecher aufgetreten wie der Schriftsteller Mario Vargas Llosa oder der ehemalige sozialistische Verteidigungsminister José Bono, die im Stierkampf einen Teil der kulturellen Essenz Spaniens sehen, eine erhabene, mit nichts vergleichbare ästhetische Darbietung. „Wir haben weiterhin das Recht, in die Stierkampfarena zu gehen“, schrieb der langjährige Ministerpräsident der Region Kastilien-La Mancha neulich in der Tageszeitung „El Mundo“. „Wir wollen weiterhin die Emotion empfinden, die von diesem Ort ausgeht.“ Das wird verstehen, wer die Emotion tatsächlich empfindet; für alle anderen bleiben solche Sätze kalt.
Doch jenseits des Pro und Contra geht es auch um eine Verstehensfrage, denn das Ziel der Corrida ist mitnichten der Tod des Stiers, sondern der ritualisierte Kampf, der dorthin führt. Wer etwa dem vierundzwanzigjährigen Franzosen Sebastian Castella zuschaut, weiß ein für allemal, dass der Matador – das Wort heißt „Töter“ – auch sein eigenes Leben riskiert.
Von den unverdächtigen Zeugen hat dies niemand besser erfasst als die schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy, die in ihrem grandiosen Buch „Über den Stierkampf“ den langsamen Prozess ihrer Einfühlung in die Tauromachie beschrieb. Zu einer Anhängerin wurde sie dadurch nicht; doch nach ihrem Buch ist es schwerer geworden, eine Sache zu verurteilen, ohne ihren Sinn erfasst zu haben. Unter Tierschutzgesichtspunkten ließe sich sogar argumentieren, keinem anderen vierbeinigen Wesen in Spanien gehe es besser als dem toro bravo, einer Spezies, die ohne den Stierkampf nicht mehr existieren würde, weil sie in der modernen landwirtschaftlichen Verwertungskette gar keinen Platz hat. Vier oder fünf luxuriösen Jahren auf fetten Weiden stehen dreißig Minuten in der Arena gegenüber, welche die letzten sind.
Verlässt man die spanischen Plazas und damit das Gehege eines mythenüberwölbten Tierbegriffs, der nicht jedermanns Sache ist, stößt man auf Haus- und Nutztiere aller Art, wobei die Übergänge in agrarisch geprägten Gesellschaften fließend sind. Hier gilt eisern: Was Geld einbringt, nützt; was nicht, nicht. „Süß“ sind Tiere selten, und nicht einmal das Image des treuen Gefährten, das Hunde im nördlicheren Europa besitzen, hat einen festen Platz.
Vierzig Kilometer östlich von Madrid, bei Alcalá de Henares, gibt es ein Hundeheim für rund hundert Tiere. Die Adoption der Vierbeiner durch interessierte Familien ist ein großes Thema, nicht nur hier, sondern in allen Winkeln des Landes. Warum das? Weil sehr viele Menschen Tiere wie Sachen behandeln. Die Reichweite des instrumentellen Umgangs mit der Kreatur kann unvorbereitete Gemüter erschrecken. Sagen wir, zu Weihnachten bekommt der Kleine einen Welpen geschenkt. Zu Ostern schon, spätestens im Sommer, wenn es in die Ferien geht, weiß man nicht mehr, wohin damit, und gibt ihn wieder ab. Wenn das Tier Glück hat. Wenn nicht, wird es ausgesetzt, zurückgelassen oder aus dem Auto geschleudert, büßt also für das schlechte Gewissen, das es dem Besitzer bereiten könnte, damit, dass es buchstäblich zum Verschwinden gebracht wird. Fall erledigt. „Letzte Woche noch“, erzählt Paz Martínez, die zweite Vorsitzende des Tierheims Apap-Alcalá, „haben Leute da vorn einen Teckel über unseren Zaun geworfen und sind davongebraust. Der Teckel ist krank, er hat hat Leishmania, die er für den Rest seines Lebens nicht mehr loswird. Wie Aids beim Menschen. So ein Hund ist kaum noch zu vermitteln.“
Die geläufige Klage der Tierheime lautet, sie seien überfüllt und müssten viele Tiere ablehnen. Erst wenn ein Hund von Privatpersonen wirklich adoptiert wird – die Region Madrid schreibt vor, dass er nur geimpft, kastriert, registriert und mit Mikrochip versehen das Gelände verlassen darf -, ist Platz für den nächsten da. Die freiwilligen Helfer, die einen Großteil der Arbeit verrichten, nehmen sich alte, kranke oder verhaltensgestörte Hunde für einige Tage mit nach Hause, damit überhaupt so etwas wie soziale Bindung entsteht. Ideal ist das nicht, doch viel mehr, als solche Tiere sonst zu erwarten hätten. Der eigene Familienverband, das Äquivalent zum Rudel, das jeder Hund braucht, bleibt für sie unerreichbar.
Erst mit der gewaltigen Zahl von streunenden, kranken und verletzten Hunden vor Augen lässt sich verstehen, wie klein die Schar derer ist, denen die Reinrassigkeit oder die Großzügigkeit von Herrchen oder Frauchen ein angenehmes Leben sichert. Ohne das Engagement der Freiwilligen könnte nicht einmal denen geholfen werden, die es bis ins Tierheim schaffen. Zwar fordert eine gesetzliche Bestimmung von jeder spanischen Ortschaft mit mehr als fünftausend Einwohnern eine Auffangstelle für herrenlose Hunde und Katzen, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Gegen die massenhaft ausgesetzten Hunde wehren sich viele Kommunen mit der tödlichen Injektion, die einundzwanzig Tage nach dem Aufgreifen fällig wird. Die spanische Hundemehrheit bildet ein vagabundierendes Proletariat, ein Heer von Mestizen, das bei den Menschen nicht Mitleid, sondern Gleichgültigkeit, Abwehr und Ekel hervorruft.
Erschütternde Dimensionen nimmt die Not bei den Galgos an, den spanischen Windhunden. In Spanien soll es etwa fünfhunderttausend dieser eleganten Jagdtiere geben. Doch aus ihrer aristokratischen Vorgeschichte, die auf den Herrscherporträts von Velázquez zu bewundern ist, sind sie zur elendesten Existenz herabgesunken. „Jagdhunde gelten in Spanien soviel wie Vieh“, erzählt die Schweizerin Mo Swatek, die mit zwölf Galgos in einem Zwanzigseelen-Dorf bei Reus (Katalonien) lebt und so viele Tiere rettet, wie sie kann. „Für den Züchter und den Jäger sind sie ein Nutzgegenstand. Dienen sie nicht mehr, werden sie weggeworfen wie Abfall.“
Die Tierschutzgesetze, um dies zu verhindern, wären da. Doch sie müssten angewendet werden. Galgos sind scheu, ausdauernd und beißen den Menschen nicht. Für die Misshandlungen, die sie erleiden, können sie sich nicht rächen, obwohl sie Grund dazu hätten. Ab Ende Januar, wenn die Jagdsaison zu Ende geht, werden erschöpfte, wirtschaftlich nutzlose Galgos ohne Skrupel erhängt, erschlagen oder erschossen. Oft findet man die Hunde in Agonie an einen Baum gebunden, die Pfoten mit minimalem Bodenkontakt, so dass die Leidenszeit Tage dauern kann: die Strafe der galgueros für Tiere, die in ihren Augen nicht mehr taugen. Andere Züchter werfen die Galgos in Brunnen oder stopfen sie lebend in Säcke. Der Fund von Hundeskeletten in der Nähe der Jagdgebiete ist deshalb keine Seltenheit. Die Zahl der Tiere, die auf diese Weise beseitigt werden, dürfte bei fünfzigtausend im Jahr liegen; manche Aktivisten schätzen das Doppelte.
Das Wort „Galgo“ ergibt in der Suchmaschine des Computers eine halbe Million Treffer. Unter den Ergebnissen finden sich mehrere deutsche Organisationen mit Namen wie „SOS-Galgos“, „Galgos in Not“ oder „Pro-Galgo“, die dafür eintreten, die brutale Misshandlung, der die Galgos in Spanien ausgesetzt sind, zu beenden, oder zumindest ihre Konsequenzen zu mildern, indem sie gerettete Tiere an Interessenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz vermitteln. Auch in Spanien haben sich Vereine gebildet, um der systematisch betriebenen Tierquälerei, die vor den Augen einer gleichgültigen Öffentlichkeit abläuft, ein Ende zu setzen.
Fermín Pérez betreibt seit zehn Jahren das Tierheim „Scooby“ in Medina del Campo (Provinz Valladolid), wohl die größte Anlaufstelle für misshandelte Galgos in Spanien. Die für die Hasenjagd benutzten Windhunde machen achtzig Prozent der rund dreihundertfünfzig Tiere in diesem Heim aus aus. Pérez sagt, es gebe nur eine Chance, das Leiden der Galgos zu beenden, nämlich die Jagd mit Hunden ein für allemal zu verbieten; Spanien ist das letzte EU-Land, wo sie noch gestattet ist. Die galgueros züchten oft fünfzehn Tiere, um zwei taugliche zu erhalten. Die übrigen dreizehn werden auf brutale Weise eliminiert. Weitere Tötungen erfolgen nach dem ersten oder zweiten Jahr, wenn die Tiere Ermüdungserscheinungen zeigen. Von allen dreihundertfünfzig Hunden bei Scooby sind nur zwei Galgos älter als sechs Jahre, ein Indiz dafür, dass die Züchter den frühen Verschleiß der Tiere einkalkulieren.
„Zum Benutzen und Wegwerfen“ ist der Titel eines kurzen Films im Internet. Darin kommt auch Cristina Moreno zu Wort, die in Madrid den Verein „Galgos ohne Grenzen“ leitet. Jedes Jahr werden hier hundertfünfzig Tiere vor dem Verenden gerettet, geimpft, gepflegt, versorgt und dann an Privatpersonen vermittelt. Doch Cristina Moreno ist bedrückt, weil der Anteil derer, die Glück haben, gerade mal ein Prozent beträgt. „Holocaust“ nennt sie das massenhafte Töten. Dass bei der Hasenjagd Menschen zu Fuß oder zu Pferd, aber ohne Waffen unterwegs sind, erweckt den Anschein des Naturbelassenen, gleichsam Ökologischen. In Wahrheit ist der Hund die Waffe, und sie verschleißt schnell.
Hier und da hat schon es Annäherungsversuche zwischen Tierschützern und dem spanischen Galgo-Verein gegeben, der die Interessen von Züchtern und Jägern vertritt, und natürlich fühlen sich die Nutzer der Jagdhunde verunglimpft. Francisco Salamanca, der Vereinsvorsitzende, bittet darum, „fünf Fälle von Erhängen im Jahr 2005“ – so seine Aussage im spanischen Fernsehen - nicht für die Realität eines ganzen Berufszweigs zu nehmen.
Doch allein die polizeilich registrierten Fälle sprechen eine andere Sprache: Von 540 Anzeigen des Jahres 2005 wurden fünfzehn wegen erhängter Galgos erstattet, hundertfünfzehn wegen systematischer Unterernährung, dreizehn wegen Erschießens, zehn wegen Misshandelns von Galgos mit Todesfolge, hundertneunundfünfzig wegen Aussetzens. Die restlichen 228 Anzeigen gegen Galgo-Halter galten weiteren Verstößen gegen die geltenden Tierschutzgesetze. Insgesamt wurden dafür neunundzwanzig Personen belangt. Die große Mehrheit der Verantwortlichen ging straffrei aus, in diesem und in anderen Jahren. Bis auf weiteres wird es so bleiben.

Link: http://www.pro-galgo.com/


Quelle und copyright:

Text:  Frankfurter Allgemeine Zeitung, Paul Ingendaay 28. April 2007