Eine Pferdegeschichte aus Südspanien NEU
 

 

OSCAR

Eine Pferdegeschichte aus Südspanien


nach einer wahren Begebenheit


„So, die Stute ist verkauft.“ Pepe ließ sich auf einen Stuhl in der Küche fallen und warf ein Pferdehalfter auf den Tisch. „Viel hab ich nicht dafür gekriegt“, meinte er noch, dann öffnete er die Dose Bier, die ihm seine Frau hingestellt hatte und nahm einen tiefen Zug. Sein Vater, der in einem Sessel in der Ecke saß und Zeitung las, blickte auf. „Hast du den Hund schon weggebracht und was machst du jetzt mit dem Fohlen?“ fragte er. Pepe seufzte. Er blickte kurz zu seiner Frau, doch die stand mit unbewegtem Gesicht am Herd und bereitete das Abendessen zu. Über ein Jahr war er jetzt ohne Arbeit. Seine Frau war schon immer Hausfrau gewesen und seine 3 Kinder gingen noch zur Schule. Das Arbeitsamt hatte, wegen seiner langen Arbeitslosigkeit die Zahlung auf das Existenzminimum beschränkt. Dazu kam die Rente des Vaters. Das reichte Grade mal zum Lebensunterhalt. Glücklicherweise war das Haus schon abbezahlt. Der Unterhalt für irgendwelche Tiere war allerdings definitiv nicht mehr drin.

„Den Hund hab ich in die Berge gebracht und dort frei gelassen“, gab Pepe seinem Vater zur Antwort.

„Gut so“, meinte der. „Dort gibt es Kaninchen und Rebhühner, da wird er schon durchkommen. Soll er sich sein Futter selber fangen.“

Pepe schüttelte den Kopf. „Das Fohlen kann ich nicht mehr ernähren und kaufen will es auch niemand“, sagte er.

„Wir könnten es schlachten lassen und essen.“ schlug sein Vater vor.

„Dann drehen die Kinder durch“, mischte sich nun Pepes Frau ein. „Sag ihnen, du hast alle Tiere verkauft und überlas das Fohlen dem Eigentümer des Grundstückes. Wir haben seit Monaten keine Pacht mehr bezahlt. Soll er es als Ablöse behalten.“

„Eine gute Idee“, stimmte Pepe zu. „Ich rufe den Mann gleich an.“

Er nahm sein Smartphone zur Hand und wählte eine Nummer.

„Die Stute ist verkauft und abgeholt“, sagte er gleich darauf in das Telefon. „Das Fohlen überlasse ich dir als Ausgleich für die Pachtrückstände.“

„Ich will deinen verdammten Gaul nicht“, brüllte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Erst monatelang nichts bezahlen und mir dann ein nutzloses Fohlen andrehen wollen, in das ich auch noch Geld stecken muss. Schaff deinen Klepper heut noch dort weg, sonst verhungert er. Ich kümmere mich nicht darum und ab morgen ist die Zufahrt gesperrt. „

Es klackte und das Gespräch war unterbrochen. In der Küche herrschte für einen Moment lang Stille. Jedes Wort des Telefonats war zu verstehen gewesen.

„Lass mal gut sein.“, sagte schließlich Pepes Vater.

„Der beruhigt sich schon wieder.“, meinte auch seine Frau und damit war das Thema erledigt.

Das Essen wurde aufgetragen und die Kinder in die Küche gerufen.

Am nächsten Tag schaute Pepe nicht mehr nach dem Fohlen. Er verschwendete in der Tat nicht einmal mehr einen Gedanken daran. Warum auch? Er war lediglich froh, diese Belastung endlich vom Hals zu haben. „Jetzt reicht das Geld wenigstens weiterhin für 2 Autos“, stellte er lediglich fest, erleichtert, das die Familie in dieser Hinsicht keine Abstriche machen musste.

Auch der Besitzer des Grundstücks kümmerte sich nicht um das Fohlen. Am nächsten Tag blockierte er mit einigen großen Steinblöcken die Einfahrt zur Pferdekoppel. Er sah noch einmal

zu dem Fohlen hinüber, das aufgeregt wiehernd hin und her lief, hatte es doch am Tag zuvor erst seine Mutter verloren, zuckte mit den Achseln, setzte sich in seinen Mercedes und fuhr davon.

Da stand das Fohlen nun, alleine und ohne Schutz, sich selbst überlassen.

Das bisschen Stroh, das es noch gab, würde bald aufgezehrt, der Wasserbehälter bei sommerlich hohen Temperaturen bald leer getrunken sein.

Was würde dann geschehen?

Das Fohlen wusste nichts von alldem. Es vermisste nur seine Mutter und wartete auf den Menschen, der sonst immer gekommen war um es zu versorgen. Etwas anderes blieb ihm auch gar nicht übrig. Es hatte keine andere Wahl. Doch diesmal wartete es vergebens.........

Erica suchte nach einem neuen Weg für einen längeren Ausritt, den sie mit ihren Gästen unternehmen wollte. Sie liebte die Gegend um Portaloa, einem kleinen ursprünglichen Dorf, in dessen Nähe sie lebte, seit sie von England nach Spanien gezogen war. Zusammen mit ihrer Freundin betrieb sie einen kleinen Reiterhof. Neue Reittouristen aus Deutschland hatten sich angesagt, die sich auf einen Tagesritt mit Picknick freuten.

Sie schlängelte sich zwischen einigen großen Steinen hindurch, die eine Zufahrt versperrten und ritt den Weg dahinter entlang, als ihr eine Bewegung auf dem Boden eines eingezäunten Grundstücks auffiel. Es sah aus, als würde dort ein Felsbrocken liegen und mit Armen oder Beinen im Sand wühlen. Neugierig ritt Erica auf diese eigenartige Bewegung zu und fiel vor Schreck fast vom Pferd, als sie sah, was sie da entdeckt hatte.

Vor ihr lag ein, bis auf die Knochen abgemagertes, völlig dehydriertes Pferd. Die Augen waren geschlossen. Die Beine bewegten sich in unkontrollierten Zuckungen über den Boden und hatten bereits Furchen in den Sand geschliffen. Im Rhythmus der zuckenden Beine schlug der Kopf des Tieres auf den Boden. Erica war entsetzt.

Hastig nestelte sie ihr Handy aus der Tasche, was ihr vor lauter Nervosität natürlich prompt zu Boden fiel. Schnell ließ sie sich vom ihrem Pferd gleiten, sammelte das Telefon auf und tippte die Nummer ihrer Freundin ein. „Beeil dich“, rief sie, als diese sich meldete. „Komm mit dem LKW hier heraus und bring den Tierarzt mit. Hier liegt ein sterbendes Pferd im Sand. Wir treffen uns an der Kurve der großen Ausreitstrecke. Schnell!“

Sie unterbrach die Verbindung. Mit zitternden Händen sattelte sie ihr Pferd ab, löste die Satteldecke vom Sattel und polsterte damit den Kopf des am Boden liegenden Tieres ab. Sie besah es sich dabei genauer. „Noch ein Fohlen“, murmelte sie fassungslos und Tränen traten ihr in die Augen.

Sie konnte die Menschen hier nicht verstehen. Seit mehreren Jahren lebte sie nun in Andalusien. Sie liebte dieses Land, das Klima und die Landschaft aber das Verhalten der Einheimischen den Tieren gegenüber blieb ihr fremd. Hunde waren generell Wegwerfartikel. Das wusste sie und hatte schon längst helfend eingegriffen indem sie einigen der ausgesetzten Tiere ein neue Heimat gab. Die Dankbarkeit und Anhänglichkeit dieser geretteten Geschöpfe war bemerkenswert und mit nichts zu vergleichen.

Aber das diese Einheimischen nun auch noch Pferde verkommen ließen wr ihr völlig unbegreiflich. Sanft strich ihre Hand über den aufgezehrten Hals des jungen Tieres vor ihr. „Oscar“ , sagte sie dabei eindringlich. „Halte durch, bitte, nur noch ein wenig!“

Dann wandte sie sich ab, sprang auf ihr sattelloses Pferd und ritt zum vereinbarten Treffpunkt um ihre Freundin und den Tierarzt abzuholen. Ihre ganze Kraft und ihre Gedanken blieben dabei jedoch bei der geschundenen, gequälten und sterbenden Kreatur und sie hoffte inständig, dass das arme Tier am Leben bleiben möge.

 

Oscar blieb am Leben. Er hatte das Glück, rechtzeitig gefunden zu werden. Oscar existiert. Es gibt eine kleine Ranch im Süden Spaniens, die von Engländern geführt wird. Sie haben Oscar zu sich geholt und aufgepäppelt.

 

Die oben stehende Geschichte ist allerdings größtenteils frei erfunden und bildet lediglich einen Hintergrund für die Rettung des 2 jährigen Wallachs, der Oscar genannt wurde. Alle Namen sind geändert. Oscar ist jedoch kein Einzelfall.


 

copyright Text: Dagmar L. Anders
copyright Bilder: Dagmar L. Anders

Veröffentlichung auf spanischehunde.de: 19.06.2013