Der alte Hund NEU
 

 

Seit längerem lebe ich in einer, tief im Süden Spaniens gelegenen ländlichen Gegend, wo die Rechte der Tiere noch immer weitgehend außer Acht gelassen werden. Überzählige Hunde werden oft wie Abfall, tot oder lebendig entsorgt. Leider ist es unmöglich allen Tieren, die hier in Not geraten sind zu helfen und es war sehr schwer für mich, diese Lektion zu lernen.

Ich könnte viele traurige Geschichten zu diesem Thema erzählen, beschreibe hier jedoch ein, bereits einige Jahre zurückliegendes, Geschehen, das ich bis heute nicht vergessen kann.


Als ich den alten Hund fand war ich schon seit 3 Jahren in Spanien und arbeitete bereits 2 Jahre als ehrenamtliche Helferin einer privaten Tierschutzgruppe.
Wie jeden morgen brachte ich damals meinen Sohn zur Schule. Ich hatte dazu einige Kilometer zu fahren und war, wie üblich, spät dran und in Eile. Es war Winter, was in dieser Gegend aber weder Frost noch Schnee bedeutet. Allerdings sind viele Regenfälle normal für diese Jahreszeit. Nachdem ich an einem großen Einkaufszentrum vorbeigefahren war, sah ich in der Abflussrinne in der Mitte der vierspurigen Straße einen großen toten Hund liegen. Wieder ein überfahrener Hund mehr, dachte ich, traurig und wütend zugleich und fuhr weiter.


Nachdem ich meinen Sohn zur Schule gebracht hatte und auf dem Heimweg an der gleichen Stelle vorbei kam fiel mir auf, dass der Hundekörper seine Position geändert hatte. Im Vorbeifahren schaute ich näher hin und sah, dass der Hund sich nun zusammengerollt hatte und sein Kopf sich leicht bewegte. Er war eindeutig noch am Leben, schien aber verletzt zu sein. Blinken, bremsen und auf dem Seitenstreifen anhalten war eins. Ich sprang aus dem Auto und rannte durch den morgendlichen Verkehr in die Mitte der Straße zur Abflussrinne.

Dort angekommen näherte ich mich vorsichtig dem Hund. Es war ein Deutscher Schäferhund. Er zeigte keinerlei Anzeichen von Angst oder Scheu und so konnte ich ihn berühren und genauer untersuchen. Sein Vorderbein war, wohl durch einen Autounfall gebrochen und er war alt, sehr alt.
Ich versuchte nun vorsichtig Ihn auf die Beine zu bringen, damit ich ihn zu meinem Auto führen könnte, aber das war schlichtweg unmöglich. Der arme Hund konnte nicht einmal mehr stehen und blieb einfach liegen, wo er war. Meine Bemühungen honorierte er aber durch leichtes Schwanzwedeln. Ich entschied, dass ich diesen Hund nicht hier liegen lassen würde, sondern irgendwie in mein Auto kriegen musste, um ihn zum Tierarzt zu bringen. Mit einem Gewicht von sicherlich über 30 Kilo war er leider zu schwer für mich und so stand ich da und schaute mich hilfesuchend um. Wie meistens schaute ich vergebens. Die Autofahrer rauschten vorbei ohne mich zur Kenntnis nehmen zu wollen.


Hier fand ich den alten HundSchließlich fasste ich einen Entschluss. Ich half dem Hund in die Sitz-Position, umarmte seinen Brustkorb hinter den Vorderbeinen und hob seinen Vorderkörper an. Nun konnte er auf seinen Hinterbeinen mitlaufen, was er schaffte und auch tat. So traten wir langsam auf die Straße und ignorierten dabei den regen, "rush hour"-Verkehr zu dieser Stunde.
Bremsen quietschten, Hupen gellten und Fahrer schrien und fluchten aus ihren Autos aber NIEMAND half oder versuchte auch nur in irgendeiner Art und Weise zu helfen.

Trotzdem überquerten wir unbeschädigt die Straße und erreichten mein Auto. Dort angekommen öffnete ich die Tür zu den Rücksitzen und hob ich den Vorderkörper des Hundes so gut es ging in den Wagen. Plötzlich schien er zu verstehen, worum es ging, denn er half mit beiden Hinterbeinen so gut er konnte mit und kroch selbständig auf die hintere Sitzbank.
Ich schloss die Autotür, setzte mich ans Steuer und brachte den alten Hund zu dem Tierarzt der Tierschutzgruppe bei der ich volontierte.

 

Von den beiden Tierärzten dort wurde er sofort hineingebracht und als Notfall aufgenommen. Es war klar, dass der Hund erst einmal einige Zeit in der angegliederten Tierklinik verbringen würde. Er musste nicht nur auf innere Verletzungen untersucht, sondern vor allem musste sein Vorderbein behandelt werden. Die Tierärzte baten mich also, nicht zu warten, sondern schickten mich, mit dem Versprechen mich später anzurufen und mir näheres mitzuteilen, nach hause. Mir fiel auf, das dieser Hund in der ganzen Zeit nicht einen einzigen Ton von sich gegeben hatte.


Als ich gerade von einem Spaziergang, den ich im Anschluss an all die Aufregung mit meinen eigenen Hunden unternommen hatte, zurück kam, erhielt ich einen Anruf von der Tierschutzgruppe bei der ich arbeitete. Man wollte mich sofort dort sehen und ich sollte sofort vorbeikommen. Was für ein verrückter Morgen, dachte ich nur, setze mich also wieder in mein Auto und machte mich auf den Weg zum Tierheim der Organisation.
Kaum dort angekommen, stürzte die Leiterin schimpfend aus dem Haus und schrie mich an, was mir denn einfiele diesen kranken und ausgesetzten Hund zu ihrem Tierarzt zu bringen und ihr Geld auszugeben, welches sie gar nicht hätten. Völlig verblüfft stand ich vor ihr und brachte kein Wort heraus. Ich hatte weder vor, sie um die Bezahlung der Tierarztrechnung für diesen Hund zu bitten, noch hatte ich den Tierärzten gesagt, dass die Gruppe diese Rechnung übernehmen würde. Schließlich drehte ich mich ohne ein Wort um und ging an die Arbeit, die ich in diesem Tierheim zu tun hatte. Die Tiere mussten ja versorgt werden und waren definitiv unschuldig an den entstanden Missverständnissen.


Es war später, am Abend dieses denkwürdigen Tages als ich einen Anruf aus Deutschland bekam. Es war die Sponsorin der Tierschutzgruppe, die genauere Informationen zu den Vorkommnissen haben wollte. Ich erzählte ihr alles und erklärte ihr, ich würde besagte Tierarztrechnung selbst bezahlen. Sie beruhigte mich jedoch sofort und meinte, es sei absolut kein Grund zur Aufregung vorhanden.
In dieser Nacht gab es schwere Regenfälle und ich musste daran denken, wie es dem Hund wohl ergangen wäre, wenn ich ihn nicht gefunden hätte und war froh, das er sich nun sicher und trocken in der Tierklinik befand.


Am nächsten Tag riefen mich die Tierärzte an. Ich sollte vorbei kommen und eine Entscheidung wegen des Hundes treffen, den ich am Tag zuvor gebracht hatte. Das hörte sich nun nicht so gut an und so fuhr ich mit sehr gemischten und eher unguten Gefühlen zur Praxis. Leider hatte ich recht.
Der Hund war für einen Schäferhund wirklich sehr alt, etwa 15 Jahre, erklärten mir die Tierärzte. Ein Mikrochip war nicht zu finden gewesen, also auch keine Rückverfolgung zum Halter möglich. Das gebrochenen Vorderbein stammte tatsächlich von einem Autounfall, stellte aber eher das kleinere Problem dar. Viel schlimmer war der Allgemeinzustand des Hundes. Quasi alle inneren Organe waren betroffen und krank. Er hatte Herzprobleme und konnte sein Wasser nicht mehr halten. Leber und Nieren arbeiteten nicht mehr richtig. Jedwedes Futter blieb unangerührt. Es wäre wohl das beste ihn zu erlösen und einzuschläfern. Sie hatten getan was sie konnten indem sie ihm Schmerzmittel und Medikamente gaben die seinen Zustand erleichterten. Da ich ihn jedoch gebracht hatte, sollte ich die endgültige Entscheidung treffen. Ich nickte, wollte aber den Hund noch einmal sehen um mich von ihm zu verabschieden.


Als ich das Zimmer betrat, in dem er untergebracht war, hob der Hund den Kopf, sah mich an und wedelte einige Male mit dem Schwanz. Mit Tränen in den Augen ging ich zu ihm und streichelte ihn sanft. Ich sagte "Auf Wiedersehen" und versprach ihm, dass er es von jetzt an besser haben würde, dort, auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke. Als hätte er mich verstanden, leckte er meine Hand, schlief jedoch aufgrund der Medikamente, die er erhalten hatte, darüber ein.
Traurig schaute ich ihn ein letztes Mal an, dann verließ ich den Raum. Einer der Tierärzte wartete vor der Tür. Ich fragte ihn nach der Rechnung und der Summe, die ich zu bezahlen hatte und nahm ich meine Bankkarte zur Hand, bereit, die Rechnung zu bezahlen. Doch der Tierarzt schüttelte den Kopf. Deutschland würde alles bezahlen, meinte er, ich sollte mir keine Gedanken um die Rechnung machen, ich könnte gehen.


Immer noch sehr traurig machte ich mich auf den Heimweg. Das Wetter war wechselhaft und trotz Regen kam immer wieder die Sonne durch. Plötzlich spannte sich über die Straße auf der ich unterwegs war ein großer leuchtender Regenbogen. Ich deutete ihn als ein Zeichen und fasste den festen Vorsatz nie wieder damit aufzuhören, Tieren in Not zu helfen.

 

copyright Text: Dagmar L. Anders
copyright Bilder: Dagmar L. Anders

Veröffentlichung auf spanischehunde.de: 24.08.2013